
Warum entsteht Schwangerschaftsdiabetes?
Kurz zusammengefasst
- Schwangerschaftsdiabetes entsteht, weil Hormone der Plazenta die Wirkung von Insulin abschwächen. Das gehört zur Schwangerschaft dazu.
- Bei manchen Frauen reicht die eigene Insulinproduktion nicht aus, um das auszugleichen. Dann bleibt der Blutzucker erhöht.
- Alter, Veranlagung in der Familie und Gewicht vor der Schwangerschaft können die Wahrscheinlichkeit erhöhen. Das sind Risikofaktoren, keine Schuld.
- Du hast nichts falsch gemacht. Die Diagnose sagt nichts über dich als Mutter aus.
- Was bedeutet meine Diagnose für mein Baby?
- Wie läuft die Betreuung bis zur Geburt ab?
- Was sollte ich in meinem Alltag jetzt besonders beachten?
Wenn du dich fragst, warum ausgerechnet dir das passiert, bist du in guter Gesellschaft. Fast alle Frauen stellen sich diese Frage. Viele suchen den Grund bei sich selbst: bei dem, was sie gegessen haben, bei zu wenig Bewegung oder bei einem Fehler, den sie vielleicht gemacht haben. Deshalb vorweg das Wichtigste: Schwangerschaftsdiabetes ist keine Folge von Naschen und kein Zeichen von Disziplinlosigkeit.
Die Plazenta macht Insulin schwächer
Ab etwa der Mitte der Schwangerschaft bildet die Plazenta Hormone, die dein Baby versorgen und wachsen lassen. Ein Nebeneffekt dieser Hormone: Deine Zellen reagieren schwächer auf Insulin. Man nennt das Insulinresistenz. Sie nimmt bis zum Ende der Schwangerschaft immer weiter zu.
Das ist kein Fehler, sondern Absicht der Natur. Durch den etwas höheren Blutzucker bleibt genug Zucker im Blut, damit dein Baby ausreichend Energie zum Wachsen bekommt. Auch Veränderungen im Fettgewebe und im Zusammenspiel von Botenstoffen spielen eine Rolle.
Quelle (Ursachen): diabinfo.de, „Gestationsdiabetes: Hintergrundinformationen für Fachkreise", https://www.diabinfo.de/fachkreise/grundlagen/gestationsdiabetes/hintergruende.html
Wenn du es schon früh entdeckst
Meist wird Schwangerschaftsdiabetes zwischen der 24. und 28. Woche beim Zuckertest festgestellt. Manche Frauen erfahren es aber deutlich früher. Zum Beispiel, weil sie wegen eines erhöhten Risikos schon früh getestet werden, etwa nach einem Schwangerschaftsdiabetes in einer früheren Schwangerschaft. Oder weil sie, wie Jule, selbst den Nüchternwert messen und auffällige Werte bemerken.
Das kann sich überraschend anfühlen, denn die Hormone der Plazenta wirken erst in der zweiten Schwangerschaftshälfte richtig stark. Wenn schon in den ersten Wochen erhöhte Werte auftreten, schaut deine Praxis genauer hin: Manchmal war die Insulinwirkung schon vor der Schwangerschaft etwas eingeschränkt, in seltenen Fällen bestand bereits ein Diabetes. Das lässt sich nur mit einer ärztlichen Untersuchung klären. Einzelne Werte vom Messgerät zu Hause sind ein Hinweis und noch keine Diagnose. Wenn dir etwas auffällt, geh damit bald in eine diabetologische Praxis oder zu deiner Gynäkolog:in.
Die gute Nachricht: Wer früh Bescheid weiß, hat mehr Zeit, sich in Ruhe einzustellen und früh gegenzusteuern. Auch das ist kein Grund für Schuldgefühle.
Quelle (frühe Diagnose): AWMF-S3-Leitlinie „Gestationsdiabetes mellitus (GDM), Diagnostik, Therapie und Nachsorge", Registernummer 057-008, https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/057-008
Warum es bei manchen Frauen kippt
Normalerweise gleicht dein Körper die schwächere Insulinwirkung aus, indem die Bauchspeicheldrüse mehr Insulin herstellt. Bei den meisten Schwangeren klappt das ohne Probleme. Bei manchen reicht die Insulinproduktion dafür nicht aus. Dann bleibt der Zucker im Blut und es entsteht ein Schwangerschaftsdiabetes.
Warum das gerade bei dir so ist, lässt sich nicht an einer einzelnen Ursache festmachen. Es ist ein Zusammenspiel aus Veranlagung, Hormonen und dem, wie deine Bauchspeicheldrüse unter Belastung arbeitet. Mit deinem Verhalten vor der Schwangerschaft lässt sich das nicht erklären.
Was die Wahrscheinlichkeit erhöhen kann
Es gibt Faktoren, bei denen ein Schwangerschaftsdiabetes statistisch häufiger vorkommt:
- ein höheres Alter, vor allem ab etwa 35 Jahren
- Diabetes bei nahen Verwandten, zum Beispiel bei Eltern oder Geschwistern
- Übergewicht vor der Schwangerschaft
- ein Schwangerschaftsdiabetes in einer früheren Schwangerschaft
Auch eine starke Gewichtszunahme in der Schwangerschaft und viel Bewegungsmangel werden als Einflüsse genannt, die sich teilweise beeinflussen lassen. Wichtig bleibt aber: Das sind Wahrscheinlichkeiten und keine Schuldzuweisungen. Viele Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes haben keinen einzigen dieser Faktoren. Und viele Frauen mit mehreren Faktoren bekommen nie einen.
Quelle (Risikofaktoren): AWMF-S3-Leitlinie „Gestationsdiabetes mellitus (GDM), Diagnostik, Therapie und Nachsorge", Registernummer 057-008, https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/057-008
Was du nicht beeinflussen konntest
Manche Dinge hast du nicht in der Hand: dein Alter, deine Gene, deinen Körperbau oder die Hormonlage deiner Schwangerschaft. Auch Frauen, die sich vor der Schwangerschaft gesund ernährt und viel bewegt haben, bekommen Schwangerschaftsdiabetes. Das zeigt, dass es nicht um Disziplin geht. Wenn du dich dabei ertappst, im Rückblick nach Fehlern zu suchen, erinnere dich daran: Du hast mit dem Wissen von damals entschieden. Jetzt tust du mit dem Wissen von heute, was dir und deinem Baby guttut.
Warum Veranlagung eine große Rolle spielt
Wie gut deine Bauchspeicheldrüse zusätzliche Belastung ausgleichen kann, ist zu einem Teil angeboren. Wenn in deiner Familie Diabetes vorkommt, ist das ein Hinweis auf diese Veranlagung, aber kein Urteil. Du kannst dich dafür weder entscheiden noch dagegen. Gerade deshalb ist es sinnvoll, das Thema mit deiner Praxis offen zu besprechen und aus der Diagnose das Beste für dich und dein Baby zu machen.
Was die Diagnose nicht bedeutet
Die Diagnose sagt nichts darüber aus, wie gut du auf dich oder dein Baby achtest. Sie sagt auch nichts über den weiteren Verlauf deiner Schwangerschaft. Mit guter Begleitung durch deine diabetologische Praxis und einer Anpassung im Alltag verlaufen die meisten Schwangerschaften mit Schwangerschaftsdiabetes gut.
Falls du trotzdem merkst, dass dich Schuldgefühle belasten: Das ist menschlich und kommt sehr häufig vor. Sprich darüber, zum Beispiel mit deiner Hebamme, deiner Gynäkolog:in oder bei einem Gespräch mit Jule. Du musst damit nicht allein bleiben.